Tricktraining Wünstorfer Konzept Ergotherapie

Hinweis: Die Inhalte dieser Seite dienen ausschließlich zur allgemeinen Information und ersetzen keine medizinische oder therapeutische Beratung. Bei gesundheitlichen Beschwerden wenden Sie sich bitte an einen Arzt oder eine qualifizierte Fachkraft. Ergo Sport Plus übernimmt keine Haftung für Handlungen, die auf Basis dieser Inhalte vorgenommen werden.

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8 Min. Lesezeit Für Eltern & Familien

Tricktraining nach dem Wünstorfer Konzept ist ein ergotherapeutischer Ansatz für Kinder zwischen 7 und 14 Jahren, die im Alltag immer wieder an denselben Stellen scheitern – nicht weil sie zu wenig üben, sondern weil sie keine eigene Strategie haben, um mit schwierigen Situationen umzugehen. Schulstress, vergessene Hausaufgaben, Konflikte mit Gleichaltrigen, Impulsivität in der Gruppe: Das Tricktraining gibt Kindern konkrete Werkzeuge an die Hand – sogenannte „Tricks“ –, mit denen sie Alltagsherausforderungen selbstständig meistern können. Dieser Artikel erklärt, was hinter dem Konzept steckt, für welche Kinder es geeignet ist und was Eltern davon erwarten können.

Was ist das Tricktraining nach dem Wünstorfer Konzept?

Das Tricktraining wurde am Sonderpädagogischen Förderzentrum in Wünstorf entwickelt und hat sich als praxisnaher, lösungsorientierter Ansatz in der Ergotherapie etabliert. Es basiert auf einem einfachen, aber wirkungsvollen Grundgedanken: Kinder, die im Alltag Schwierigkeiten haben, brauchen keine weiteren Übungen, die dasselbe auf dieselbe Art trainieren. Sie brauchen neue Strategien – Umwege, Tricks –, die um das Problem herum führen oder es handhabbar machen.

Der Name „Trick“ ist dabei bewusst gewählt: Er klingt nicht nach Therapie oder Schwäche, sondern nach Cleverness und Eigenständigkeit. Das gibt Kindern eine positive Identität mit der Methode. „Ich habe einen Trick“ klingt ganz anders als „Ich brauche Hilfe“.

Das Konzept ist lösungsfokussiert: Es fragt nicht, was das Kind nicht kann, sondern was bereits klappt – und baut darauf auf. Stärken werden als Ausgangspunkt genutzt, Schwierigkeiten als Aufgaben formuliert, die gemeinsam mit dem Kind angegangen werden. Das Kind ist dabei kein passiver Empfänger von Therapie, sondern aktiver Mitgestalter seiner eigenen Lösungen.

Für welche Kinder ist Tricktraining geeignet?

Tricktraining nach dem Wünstorfer Konzept richtet sich an Kinder von 7 bis 14 Jahren – also Schulkinder, die bereits in der Lage sind, über ihr eigenes Verhalten nachzudenken und Strategien bewusst anzuwenden. Besonders gut geeignet ist der Ansatz für Kinder, die:

  • immer wieder vergessen, Hausaufgaben zu notieren oder mitzubringen
  • Schwierigkeiten haben, Aufgaben zu beginnen oder zu Ende zu führen
  • sich im Unterricht leicht ablenken lassen und kaum bei einer Sache bleiben
  • impulsiv reagieren – in Konflikten oder bei Misserfolgen
  • sich im Alltag schlecht organisieren können (Schultasche packen, Tagesplan einhalten)
  • trotz Intelligenz und Fleiß in der Schule unter ihren Möglichkeiten bleiben
  • durch bisherige Therapieansätze wenig Fortschritte erzielt haben

Das Tricktraining ist keine diagnoseabhängige Methode: Es eignet sich bei ADHS, Entwicklungsverzögerungen, Lernproblemen, aber auch für Kinder ohne spezifische Diagnose, die einfach ihre eigenen Strategien noch nicht gefunden haben. Entscheidend ist, dass das Kind motiviert ist und aktiv mitmachen möchte.

In unserer Kinder-Ergotherapie in Ratingen setzen wir das Tricktraining als Einzelmaßnahme oder in Kombination mit anderen ergotherapeutischen Bausteinen ein – je nach Bedarf des Kindes.

Wie funktioniert Tricktraining in der Praxis?

Eine Tricktraining-Sitzung läuft anders ab als klassische Ergotherapie. Im Mittelpunkt steht nicht das therapeutische Üben, sondern das gemeinsame Denken, Ausprobieren und Reflektieren. Der Ablauf folgt einem klaren Rahmen:

  1. Problem identifizieren: Welche Situation ist für das Kind regelmäßig schwierig? Das Kind selbst benennt das Problem – aus seiner Perspektive, in seinen Worten. Der Therapeut hört zu, ohne zu werten.
  2. Ressourcen aufdecken: Was klappt schon manchmal? In welchen Situationen ist es besser? Was macht das Kind in guten Momenten anders? Diese Fragen erschließen vorhandene Stärken.
  3. Trick entwickeln: Gemeinsam mit dem Kind werden mögliche Strategien gesammelt, bewertet und erprobt. Der Trick muss zum Kind passen – zu seinem Alter, seiner Persönlichkeit, seiner Lebenswelt.
  4. Ausprobieren und anpassen: Der Trick wird im Alltag getestet – und in der nächsten Sitzung ausgewertet. Was hat geklappt? Was nicht? Was muss angepasst werden?
  5. Verankern und übertragen: Wenn ein Trick funktioniert, wird er gefestigt – und auf ähnliche Situationen übertragen. Das Kind baut schrittweise ein eigenes Repertoire an Strategien auf.

Was sind „Tricks“ – und wie werden sie erarbeitet?

Ein Trick ist keine fertige Lösung, die der Therapeut dem Kind übergibt. Er entsteht im Dialog – und ist deshalb für jedes Kind anders. Dennoch gibt es Kategorien, aus denen Tricks häufig stammen:

Strukturierungs-Tricks

Visuelle Checklisten für das Schultaschepacken, ein fester Platz für wichtige Gegenstände, eine Uhr mit Wecker für Aufgabenwechsel – externe Strukturhilfen, die innere Planung ersetzen, die das Kind noch nicht verlässlich selbst leisten kann.

Aufmerksamkeits-Tricks

Ein Stressball auf dem Tisch, der heimlich gedrückt werden darf; ein spezieller Platz im Klassenraum, von dem aus weniger Ablenkung kommt; eine Vereinbarung mit der Lehrerin über ein stilles Signal, wenn die Konzentration nachlässt.

Selbstregulations-Tricks

Ein inneres Stoppsignal vor impulsiven Reaktionen, eine kurze Atemübung bei Frustration, ein vereinbartes Wort mit dem Elternteil, das signalisiert: „Ich brauche jetzt kurz Pause.“ Diese Tricks helfen Kindern, emotionale Impulse zu überbrücken, bevor sie handeln.

Lern- und Merkstrategie-Tricks

Eselsbrücken selbst erfinden, Lernstoff in kleine Häppchen aufteilen, schwierige Aufgaben mit einem Belohnungsanker verknüpfen. Solche Tricks machen Lernen handhabbar – statt überwältigend.

Die Rolle der Eltern im Tricktraining

Tricktraining funktioniert am besten, wenn Eltern aktiv eingebunden sind – aber in einer klar definierten Rolle: als Unterstützer, nicht als zweiter Therapeut.

Konkret bedeutet das: Eltern werden in regelmäßigen Gesprächen über die erarbeiteten Tricks informiert. Sie lernen, wie sie die Anwendung zuhause unterstützen können – ohne Druck aufzubauen oder das Kind zu kontrollieren. Wichtig ist, dass Tricks zuhause gewürdigt werden, wenn sie funktionieren: positive Rückmeldung stärkt das Erfolgsgefühl und motiviert zur weiteren Anwendung.

Was Eltern vermeiden sollten: Tricks einfordern, wenn das Kind erschöpft ist; eigene Lösungen aufdrängen, wenn der vom Kind entwickelte Trick anders aussieht als erwartet; Rückschritte als Versagen bewerten. Strategien brauchen Übungszeit – und dürfen angepasst werden.

Bei Fragen zur Einbindung in den Familienalltag stehen wir Ihnen in unserer Praxis in Ratingen gerne zur Verfügung – auch in einem separaten Elterngespräch ohne das Kind.

Tricktraining im Vergleich zu anderen Ansätzen

Tricktraining ist kein Ersatz für andere ergotherapeutische Methoden, sondern eine sinnvolle Ergänzung – je nach Bedarf des Kindes. Ein kurzer Vergleich:

  • Tricktraining vs. klassisches Fertigkeitstraining: Klassische Ergotherapie übt Fertigkeiten direkt – Stifthaltung, Feinmotorik, Wahrnehmung. Tricktraining arbeitet auf der Ebene der Strategien und Handlungsplanung. Beides kann und sollte kombiniert werden, wenn beides relevant ist.
  • Tricktraining vs. Marburger Konzentrationstraining: Das MKT ist ein strukturiertes Gruppentraining mit festem Programm. Tricktraining ist individueller, flexibler und passt sich stärker an das einzelne Kind an. Beide Ansätze können sich ergänzen.
  • Tricktraining vs. Verhaltenstherapie: Tricktraining ist kein psychotherapeutischer Ansatz und arbeitet nicht mit tieferliegenden emotionalen Mustern. Bei ausgeprägten psychischen Belastungen oder Verhaltensauffälligkeiten ist Psychotherapie der richtige Weg – Tricktraining kann sie ergänzen, nicht ersetzen.
  • Tricktraining vs. Lerntherapie: Lerntherapie setzt spezifisch bei Lerninhalten an (Lesen, Rechnen, Schreiben). Tricktraining arbeitet auf der Meta-Ebene: Wie lerne ich besser, wie organisiere ich mich, wie gehe ich mit Schwierigkeiten um?

Tipp aus der Praxis

Fragen Sie Ihr Kind einmal, was es selbst denkt: „Was hilft dir, wenn du dich nicht konzentrieren kannst?“ Die meisten Kinder haben bereits Ideen – auch wenn sie sie noch nicht als Strategie benennen würden. Diese Ideen ernst zu nehmen und gemeinsam weiterzuentwickeln ist der Kern des Tricktrainings. Kinder, die ihre eigenen Lösungen gefunden haben, wenden sie auch an. Kinder, denen Lösungen aufgedrückt wurden, vergessen sie meistens.

Sie möchten wissen, ob Tricktraining nach dem Wünstorfer Konzept für Ihr Kind geeignet ist – und wie es in eine ergotherapeutische Begleitung eingebettet werden kann? Wir beraten Sie gerne.

Kinder-Ergotherapie in Ratingen – unsere Leistungen

Häufige Fragen zum Tricktraining

Ab welchem Alter ist Tricktraining sinnvoll?

Das Tricktraining nach dem Wünstorfer Konzept richtet sich an Kinder von 7 bis 14 Jahren. Die untere Altersgrenze ergibt sich daraus, dass das Kind in der Lage sein muss, über sein eigenes Verhalten nachzudenken und Strategien bewusst anzuwenden – das ist eine kognitive Fähigkeit, die sich erst ab dem Schulalter ausreichend entwickelt. Für jüngere Kinder gibt es andere ergotherapeutische Ansätze, die besser zu ihrer Entwicklungsstufe passen.

Wie viele Sitzungen braucht das Tricktraining?

Das ist individuell verschieden. Erste Tricks können bereits nach wenigen Sitzungen erarbeitet und erprobt werden. Für eine nachhaltige Verankerung mehrerer Strategien und die Übertragung auf verschiedene Lebensbereiche sind in der Regel 10 bis 20 Sitzungen sinnvoll – abhängig davon, wie viele Bereiche bearbeitet werden und wie schnell das Kind Strategien findet und anwendet.

Wird Tricktraining von der Krankenkasse übernommen?

Tricktraining ist ein ergotherapeutischer Ansatz und kann im Rahmen einer ärztlichen Verordnung für Ergotherapie durchgeführt werden – wenn eine entsprechende Diagnose vorliegt. Die Abrechnung erfolgt über die regulären Heilmittelziffern. Für ein erstes Beratungsgespräch brauchen Sie kein Rezept. Sprechen Sie uns an, wir klären gemeinsam mit Ihnen, welcher Weg in Ihrer Situation sinnvoll ist.

Was, wenn mein Kind keine Motivation für das Training hat?

Mangelnde Motivation ist beim Tricktraining seltener ein Problem als bei anderen Ansätzen – weil das Kind aktiv mitgestaltet und seine eigenen Ideen einbringt. Wenn ein Kind trotzdem wenig Interesse zeigt, ist das häufig ein Signal, dass der Ausgangspunkt noch nicht stimmt: Das Thema ist nicht relevant für das Kind, der Druck von außen ist zu groß, oder das Kind hat noch kein Vertrauen aufgebaut. Wir arbeiten in der Therapie daran, diesen Ausgangspunkt zu finden – Geduld und Beziehungsaufbau sind dabei wichtiger als die schnelle erste Strategie.

Kann Tricktraining auch Kindern mit Lese-Rechtschreib-Schwäche helfen?

Tricktraining behandelt nicht die Lese-Rechtschreib-Schwäche selbst – das ist Aufgabe der Lerntherapie. Es kann aber helfen, den Umgang mit der LRS im Alltag zu verbessern: Wie organisiere ich meine Lernzeit? Welche Strategien helfen mir beim Lesen unbekannter Wörter? Wie gehe ich mit Frustration beim Schreiben um? Diese Meta-Ebene kann eine sinnvolle Ergänzung zur Lerntherapie sein.

Ihr Kind braucht keine weiteren Übungen – es braucht die richtigen Tricks. Vereinbaren Sie jetzt einen Termin in unserer Kinder-Ergotherapie in Ratingen.

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